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Hallo, ich bin Medieninnovationjournalistin Ulrike Langer und Du liest News Machines. In diesem Post geht es um Case Study zum Thema Vibe Coding.

Diese Case Study (Reroute NJ) habe ich als eines von dreien Beispiel in meiner Keynote beim AI for Media Meetup #8 in München am 12. Mai vorgestellt. (Hier sind meine Folien und die erweiterten Sprechernotizen zur Ansicht und zum Download)

Zahlende Abonnentinnen und Abonnenten bekommen hinter der Paywall dieses Newsletter-Posts ein Vibe Coding Field Kit als Bonus: ein einseitiges Build Sheet zu Reroute NJ mit Amditis' konkretem Stack und seinen Kosten, dazu eine Checkliste für Redakteurinnen und Redakteure, die eigene Pop-up-Projekte starten wollen. Beides am Ende dieses Posts.

Joe Amditis fragte sich, ob das Projekt wert sei “in die Welt gesetzt zu werden” bevor er die Pop-up Website Reroute NJ vibe codete.

Was ist Reroute NJ?

Die US-Debatte zu Vibe Coding dreht sich vorwiegend darum, was entwickelt wird. Die spannendere Frage ist aber, was danach passiert.

Joe Amditis entwickelt am Center for Cooperative Media an der Montclair State University in New Jersey viele kleine interaktive Tools. Reroute NJ ist das bekannteste Projekt. 

Die Entstehungsgeschichte: Die Nahverkehrsbehörde NJ Transit sperrte ein Gleis der Portal Bridge zwischen New Jersey und Manhattan für vier Wochen, um es zu sanieren. Die Fahrpläne änderten sich und Pendler brauchten Alternativen. Amditis fiel auf, dass die Informationen dazu über TikTok, Behördenseiten und lokale Nachrichtenposts verstreut waren. In anderthalb Tagen baute er einen Routenplaner, der Station für Station Alternativen vorschlägt, gehostet als öffentliche Website mit klar definiertem Enddatum.

Während der vier Wochen Laufzeit nutzten rund 2.000 Menschen den Routenplaner täglich. Drei Lokalredaktionen betteten ihn auf Websites  ein. Die Oberfläche war in zehn Sprachen verfügbar. Als NJ Transit am 16. März das neue Gleis freigab, blendete Amditis ein Banner ein, das Phase 1 für abgeschlossen erklärt, und stoppte den täglichen Scraper gestoppt. Die Seite ist noch online, aber im Ruhemodus. Für Phase 2 im Herbst will er sie wieder reaktivieren.

Das ist keine Geschichte darüber, wie schnell man mit Vibe Coding etwas ausliefert. Die Bauzeit ist die Schlagzeile, aber nicht der eigentliche Lerneffekt.

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Was macht eine Pop-up-Website aus?

Amditis hat einen eigenen Begriff für die Kategorie. Er nennt sie vergängliche oder befristete (“ephemeral”)  Software und beschreibt sie als neue Klasse, die durch Vibe Coding erst finanziell möglich wird: eine Website, die nur für einen begrenzten Zeitraum existiert und dann wieder zumacht. „Das kann alles sein, was du sonst zu einem PowerPoint-Deck machen würdest", erzählte mir Amditis. „Du kannst das jetzt schnell in eine interaktive Website verwandeln, eine kleine GitHub-Seite, die kostenlos online geht und ein mehr Interaktivität und Lebensdauer erzeugt."

Die Kategorie ist breiter als das, was Reroute NJ leistet. Eine Pop-up-Website kann zum Beispiel auch eine statische Informationsseite zu einer Wahl oder einer Straßensperrung sein. Sie kann ein interaktives Tool sein wie das, was Amditis entwickelt hat. Das Definierende ist der Lebenszyklus, nicht die Interaktivität. Die Website wird veröffentlicht, gepflegt, solange sie wichtig ist, und gezielt wieder abgeschaltet.

Der Vergleich mit einem Pop-up-Restaurant trifft das besser als „Wegwerf-Code". Ein Pop-up hat einen klaren Zweck und ein klares Ende. Es ist mit Absicht von vornherein befristet, nicht weil das Projekt gescheitert ist. Die Küche wird nicht schlechter, nur weil das Restaurant in acht Wochen wieder zumacht.

Von einem klassischen Nachrichtenartikel unterscheidet sich eine Pop-up-Website in einem entscheidenden Punkt: Auch wenn Artikel manchmal aktualisiert werden, bleibt der Artikel die Einheit. Eine Pop-up-Website wird veröffentlicht, gepflegt, solange sie wichtig ist, und dann gezielt abgeschaltet. Der Lebenszyklus ist das Produkt, nicht ein Nebeneffekt.

Die Logik kennen Redaktionen längst - aus Pop-up-Newslettern. Die New York Times startet sie zu Olympischen Spielen. Bloomberg hat eine Davos-Edition aufgelegt. The Information fuhr einen Pop-up-Newsletter rund um die Twitter-Übernahme durch Elon Musk. Klares Publikum, klares Ende, echte redaktionelle Linie. Dann werden sie wieder eingestellt, manchmal kommen sie zurück. Das Publikum nimmt das Befristete als Feature an, nicht als Mangel. Pop-up-Websites folgen der gleichen Logik in einem anderen Medium.

Hast Du meinen Essay in der vergangenen Ausgabe von News Maschinen verpasst? In Lokaljournalismus muss nicht zum Sozialfall werden habe ich eine Überlebensstrategie für das KI-Zeitalter skizziert. Das Begleitmaterial dazu ist ein Leitfaden mit Fragebogen. Damit können Lokalredaktion für sich intern überprüfen, ob sie für die KI-Ära gut aufgestellt sind.

Es sind zwölf Fragen, gebündelt in vier Kategorien, jeweils mit konkreten Beispielen dafür, wie ein starke Antwort oder eine bedenklich Antwort aussehen kann.

Auszug aus dem Leitfaden mit Fragebogen

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Warum kein Tech-Anbieter ein Reroute NJ auf den Markt bringt

Ein Tech-Anbieter hätte Reroute NJ entwickeln können, aber keiner hat es getan. Amditis weiß, warum.

Das nützlichste Feature seiner Website ist ein PNG-Export. Pendler erzeugen eine kleine Karte mit ihrer neuen Route, speichern sie in der Foto-Galerie und kommen nie wieder zurück zur Website. Aus SaaS-Sicht ist das eine Katastrophe. Wer einmal hat, was er braucht, hat keinen Grund mehr zurückzukommen. Keine Werbung, kein Abo, keine Daten zum Auswerten.

„Der Return-Value ist nicht besonders hoch", sagt Amditis. „Sobald sie den Wert aus dem PNG haben, brauchen sie dich nicht mehr."

Ein stiftungsfinanziertes Zentrum für kooperativen Journalismus kann ein solches Projekt stemmen. Ein Anbieter, dessen Geschäftsmodell auf wiederkehrender Nutzung beruht, kann es nicht. Das PNG-Muster ist vom Aufbau her unattraktiv für Anbieter.

Das gilt weit über Reroute NJ hinaus. Es gibt eine ganze Klasse von Public-Service-Websites, die in die Pop-up-Kategorie fallen: Wahlkarten am Wahlabend, Evakuierungsguides für Hochwassergebiete, Tracker für Straßensperrungen, Dashboards für Schulausfälle. Sie dienen einer Öffentlichkeit, dann verschwinden sie. Tech-Anbieter werden sie nicht entwickeln, weil das Geschäftsmodell nicht passt. Redaktionen schon, wenn sie die Kapazität und die Infrastruktur haben, um eine(n) Vibe Coder(in) zu tragen.

Wie viel Pflege so ein Projekt wirklich braucht

Entwickelt: in anderthalb Tagen. Gepflegt: mehrere Wochen lang, und genau das wird im Vibe Coding Hype oft unterschlagen.

Während der vier Wochen behielt Amditis den Routenplaner im Auge. Als die Governeurin von New Jersey eine frühere Wiedereröffnung angekündigte, musste er die Seite anpassen. Als die Station Hoboken Terminal mitten im Betrieb überschwemmt wurde und eine zweite Umleitung dazukam, blendete er ein Alarm-Banner ein: „Es gibt gerade Verwirrung. Möglicherweise stimmen die Angaben nicht, bis ich das korrigieren kann." Als der Lokalradiosender NJ101.5 den Routenplaner einbettete und dabei eine Variable auftauchte, die nicht sauber bereinigt war, fixte er den Fehler nachträglich.

Amditis hat keine Formel dafür, wie viel Wartung er einplant. „Das mache ich rein aus dem Bauch", gibt er zu. Er stellt sich dabei eine einzige Frage: Lohnt sich der persönliche Zeitaufwand, Wartung inklusive? Nicht „Kann ich das entwickeln?”, sondern „Ist das wert, dass ich es in die Öffentlichkeit bringe?”.

Diese Frage skaliert. Eine kleine Redaktion, die überlegt, eine eigene Pop-up-Website für eine Wahl, eine geplante Straßensperrung oder eine Schulbezirksreform aufzusetzen, kann sich das Gleiche fragen, bevor sie sich festlegt. Entscheidend für die Antwort sind nicht die Stunden bis zum lauffähigen Prototype sondern der Aufwand während des den gesamten Lebenszyklus, einschließlich der Tage, an denen etwas kaputtgeht.

Was Pop-up-Websites für Redaktionen bedeuten

Die Kategorie wird wachsen. Vibe Coding macht das Entwickeln jedes Quartal billiger. Was nicht billiger wird: das redaktionelle Urteil darüber, was sich überhaupt zu entwickeln lohnt, die institutionelle Unterstützung, die Tools und Zeit bereitstellt, und die Disziplin, etwas wieder einzustellen, wenn die Zeit vorbei ist.

Amditis kann auf alle drei Faktoren zurückgreifen. Er hat zehn Jahre Erfahrung mit kleinen Publikationen. Er hat ein Claude-Max-Abo für 200 Dollar im Monat, das das Center bezahlt. Er hat ein Netzwerk menschlicher Übersetzer, darunter Julie Delgado, die spanischsprachige Koordinatorin am Center. Delgado und ihre Kolleginnen entscheiden mit, welche Wörter übersetzt werden und welche in Englisch bleiben, weil sie der Beschilderung auf den Bahnhöfen und Haltestellen entsprechen soll.

Das meiste davon sieht man nicht in der verkürzten Hype-Version, wenn es wieder einmal heißt: „von einem Vibe Coder in anderthalb Tagen entwickelt". Die Realität ist ein Vibe Coder, eingebettet in eine redaktionelle Institution, die ihn trägt.

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