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"Hoffnung ist kein Geschäftsmodell", warnt Writers’ Bloc Gründer John Byrne. Er will mit digitaler Fingerabdruck-Technologie dafür sorgen, dass Journalisten und kleine Publisher bezahlt werden, wenn KI-Unternehmen ihre Inhalte stehlen.
Bist Du Reporterin oder Reporter? Dann werden Deine Artikel auf gleich drei Wegen gleichzeitig gestohlen: kopiert auf andere Websites (immer öfters KI-generierte); abgegriffen von KI-Crawlern, die vorbeikommen, ohne zu bezahlen, und Teile Deiner Arbeit in KI-Übersichten verwandeln; und einverleibt in die Trainingsdaten der Modelle selbst.
Writers' Bloc, ein junges irisches Startup, will dafür sorgen, dass Du an allen drei Fronten bezahlt wirst. Die Plattform gibt jedem Artikel im Moment der Veröffentlichung einen digitalen Fingerabdruck. Sie überwacht das Web und die KI-Modelle in Bezug auf Deine Inhalte. Und wenn sie eine Kopie erwischt, schickt sie dem Rechteverletzer eine Rechnung. Zahlt der, wird aus dem Diebstahl eine Lizenz.
Trotz des Namens Writers’ Bloc wird hier gar nichts geblockt: Gründer John Byrne hält das Aussperren von KI-Crawlern für zunehmend aussichtslos und will ihnen stattdessen einen fairen Preis berechnen. Der „Bloc“ – das sind die Kunden selbst, zusammengeschlossen zu einer Verhandlungspartei: freie Journalisten, kleine Publisher und Nischen-B2B-Angebote, also genau die, die am meisten gescrapt und am wenigsten bezahlt werden (also Leute wie ich).
Version eins ist gebaut, Pilotprojekte starten in Irland und Großbritannien, die Warteliste ist offen. Ich habe Byrne, einen Iren in Paris, der über die Finanzierung von Film- und Musikrechten zum Publishing kam, gefragt, wie die Plattform funktioniert, was sie kostet und was sie noch nicht kann. Er hat mir den Prototyp gezeigt, und ich habe mich daraufhin selbst angemeldet. Beide Links stehen am Ende dieser Ausgabe.
Jeder Artikel bekommt einen digitalen Fingerabdruck – wie bei Shazam, nur für Texte
Writers’ Bloc erledigt drei Aufgaben. Es beweist, wer was zuerst geschrieben hat. Es fängt Kopien ab, wo immer sie auftauchen. Und es kassiert von den KI-Bots an der Tür.
Die erste Aufgabe borgt sich ihre Technik aus der Musik. Shazam erkennt jede der 40.000 aufgenommenen Coverversionen von „Yesterday“ von den Beatles an wenigen Sekunden Audio, weil jede Aufnahme einen einzigartigen digitalen Fingerabdruck hat. Writers’ Bloc überträgt das Prinzip auf Artikel: Tausende schreiben über die gleichen Themen, aber Stil, Vokabular und Struktur machen jeden Text einzigartig. In den Fingerabdruck fließen außerdem Metadaten ein und, wenn Du willst, Material aus Deinem Redaktionsprozess, das nie veröffentlicht wurde – Notizen, die ein Kopist nicht haben kann, sodass eine gestohlene Version neben dem Original auffällig dünn aussieht. Jeder Fingerabdruck wird dann in eine Blockchain geschrieben. Dahinter steckt ein öffentlicher, fälschungssicherer Notarstempel: Wer hat was geschrieben, wann – und welches ist das Original?
Die zweite Aufgabe ist das Beobachten. Das System durchsucht das Web nach Kopien, auch nach den Fast-Kopien, bei denen jemand Sätze umgestellt oder Wörter mit dem Thesaurus ausgetauscht hat. Findet es eine Kopie, zeigt es Dir die Beweise nebeneinander.

Prototyp-Ansicht mit Platzhalter-Testinhalten: Rot markiert exakte Kopien, Gelb fast identische Passagen. Screenshot: Writers’ Bloc
Ob ein KI-Modell mit Deiner Arbeit trainiert wurde, ist schwieriger festzustellen, denn nach dem Training überlebt nichts wortwörtlich. Hier feuert Writers’ Bloc Batterien von Testfragen auf die Modelle ab – Byrne nennt sie “Probes” – und bewertet die Antworten über wiederholte Durchläufe. Das Ergebnis ist eine Wahrscheinlichkeit, und Byrne räumt offen ein: „Wir können nicht hundertprozentig definitiv Ja oder Nein sagen.“

Prototyp-Ansicht des KI-Monitoring-Dashboards: Wiederholte Probe-Durchläufe ergeben einen Trainings-Erkennungswert, kein Urteil. Screenshot: Writers’ Bloc
Die dritte Aufgabe passiert an der Tür. Statt KI-Crawler zu blockieren, stellt Writers’ Bloc ihnen ein Bezahl-Gate in den Weg, aufgebaut auf dem Zahlungsstandard x402, der Bots pro Besuch in USDC abkassiert, einem sogenannten Stablecoin. Das ist eine Kryptowährung, die konstant einen Dollar wert sein soll und die Du über Dienste wie Coinbase auszahlen lässt. Blockieren hält Byrne für aussichtslos: „Wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen. Statt sie zu blockieren – warum sie nicht einfach monetarisieren?“

Prototyp-Ansicht des Bot-Zugriffs-Dashboard: KI-Bot-Besuche werden gezählt, Erlöse in USDC ausgezahlt. Screenshot: Writers’ Bloc
Byrnes Prophezeiung: KI-Piraterie folgt dem Beispiel von Napster
Eine wichtige Frage: Warum sollten KI-Unternehmen jemals zahlen? Byrnes Antwort: Wir haben diesen Film schon mal gesehen. Die Musikindustrie klagte Napster in Grund und Boden – und die Piraterie zog einfach weiter zu Limewire und Pirate Bay. Beendet hat die massenhafte Musikpiraterie nicht die Justiz, sondern iTunes und Spotify: Bezahlversion, die bequem zu nutzen sind. YouTube folgte demselben Muster – wegen urheberrechtlich geschützter Uploads verklagt, zahlte es rückwirkende Vergleiche und schloss Lizenzverträge für die Zukunft. Roblox verfuhr mit Musikrechten ebenso: Vergleiche für die Vergangenheit, Lizenzen für die Zukunft.
Der Journalismus, argumentiert Byrne, steckt jetzt in der Vergleichsphase. Die Klagen häufen sich: Im Juli hat ein US-Bundesrichter Anthropics Vergleich mit Buchautoren über 1,5 Milliarden Dollar endgültig genehmigt – den größten Urheberrechtsvergleich der US-Geschichte, wegen rund 500.000 raubkopierter Bücher. Dutzende ähnliche Verfahren gegen KI-Unternehmen laufen. Wenn dieser Vergleich der Maßstab ist, so Byrnes Corporate-Finance-Logik, wird Lizenzieren zum billigeren Weg. Was fehlt, ist die Gegenpartei: jemand, der den Long Tail des Publishings als eine einzige Verhandlungspartei an den Tisch bringt. Genau diese Aufgabe will Writers’ Bloc erledigen. Je mehr Journalisten und Publisher die Plattform vereint, desto mehr Gewicht hat sie am Verhandlungstisch.
Ein journalistischer Außenseiter aus der Rechtefinanzierung
Byrnes Überzeugung, dass Journalismus den gleichen Weg wie die die Musikbranche einschlagen wird, stammt aus seinem eigenen Lebenslauf. Er ist kein Journalist. Sein Werdegang ist Business Development und Corporate Finance, zuletzt bei einer kleinen Investmentfirma, die Film- und Musikrechte finanzierte – dort hat er zum ersten Mal aus der Innenperspektive gesehen, wie organisierte Tantiemensysteme funktionieren. „Hoffnung ist kein Geschäftsmodell“, lautet seine Ansicht. Journalisten und Publisher sollten reagieren, anstatt auf das Beste zu hoffen. Für den Bau der Plattform habe er mit mehr als 450 Publishern, Journalisten und Medienmachern gesprochen, erzählte er mir.
Sein Unternehmen ist klein: Byrne betreibt die Business-Seite alleine, dazu ein Team von fünf freien Entwicklern in Marrakesch, das Version eins gebaut hat. Writers’ Bloc ist bisher gebootstrappt; ein Antrag bei Enterprise Ireland, dem staatlichen irischen Startup-Förderer, läuft, ein weiterer bei Y Combinator ist eingereicht. „Nail it, then scale it“, sagt Byrne – erst mal den Start schaffen, dann skalieren.
Eine Plattform für Publisher, die zu klein für eigene KI-Deals sind
Die New York Times und Axel Springer verhandeln ihre eigenen KI-Deals; sie sind haben dafür die nötige Power. Byrnes Kunden gehören zu einer viel kleineren Größenordnung: kleine und mittlere Publisher mit wertvollen Inhalten und ohne Rechtsabteilung, die – in seinen Worten – von diesen KI-Unternehmen „abgezockt werden“, ohne Geld oder Zeit, sich zu wehren. Um sie zu erreichen, wirbt Writers’ Bloc nicht mehr in erster Linie einzelne Autoren als Kunden an, sondern geht über Mitgliederorganisationen: Verwertungsgesellschaften, Journalistengewerkschaften, Publisher-Verbände. (Zwei solche Organisationen haben mündlich Pilotprojekte zugesagt, die in Irland und Großbritannien starten sollen; Byrne darf sie aber noch nicht nennen.)
Einzelpersonen können trotzdem beitreten. Als Byrne seine ideale Nutzerin beschrieb – Nischeninhalte, spezifisches Publikum, die Art Ein-Personen-B2B-Betrieb, die Plattformen wie Beehiiv und Substack massenhaft ermöglicht haben –, habe ich mich als Musterbeispiel erkannt. Mit meinen beiden Newslettern News Machines und News Maschinen habe ich addiert bisher rund 150 Artikel veröffentlicht. Damit falle ich in den individuellen Journalisten-Tarif.
Was Writers’ Bloc noch nicht kann
Byrne sprach mir gegenüber die Lücken von Writers’ Bloc selbst an. Version eins ist, in seinen Worten, „noch ein bisschen primitiv“. Die Durchsetzungs- und Lizenzebene hinter den Zahlungsaufforderungen wird noch entwickelt. Kein Gericht hat, soweit er weiß, Blockchain-Einträge bislang als Urheberrechts-Beweis geprüft; sein Plan ist, gesammelte Beweise den Anwaltsteams in laufenden KI-Prozessen anzubieten. Bisher hat aber kein Anwaltsteam damit gearbeitet. „Das ist meine Theorie“, sagt er. Der Trainings-Erkennungswert ist eine Wahrscheinlichkeit, nie ein Beweis.
Und die Orientierungshilfe, die die meisten Nutzer als Erstes wollen – ein realistischer Preis, den man von einem Rechteverletzer verlangen kann –, existiert noch nicht. Eine Vergleichsbörse, die er „the Bloc“ nennt und auf der Mitglieder ihre Preise mit anderen und mit Diensten wie Cloudflares Crawler-Bepreisung abgleichen können, steht auf der Roadmap – ebenso die Sicherheitszertifizierungen (SOC 2, ISO), die größere Organisationen verlangen werden.
Was Writers’ Bloc kostet und wie Du es ausprobieren kannst
Zum Ausprobieren gibt es einen Gratis-Tarif. Der Journalisten-Tarif kostet knapp 100 Euro im Jahr, der Publisher-Tarif rund 996 Euro. Wer sich bis Jahresende auf die Warteliste setzt, bekommt Gründungsmitglieder-Konditionen: 90 Prozent Rabatt im ersten Jahr – für Journalisten rund 18 bis 21 Euro –, 50 Prozent im zweiten und dauerhaft 25 Prozent. Byrne hebt die Nutzer bewusst einzeln von der Warteliste: Er will eine kleine erste Gruppe, deren Feedback das Produkt formt, bevor große Mitgliederorganisationen wie beispielsweise die deutsche VG Wort sich mit Tausenden von Mitgliedern anmelden.
VOLLE TRANSPARENZ: Ich werde Gründungsmitglied sein und Feedback geben, um frühe Versionen zu verbessern.
Hier ist die Warteliste: https://getlaunchlist.com/pages/writers-bloc
Und hier kannst Du Dich für die Demoversion anmelden. Das ist ein Prototyp mit den Daten eines fiktiven Publishers: https://demo.writersbloc.eu/. Sie enthält bewusst auch Funktionen, die noch nicht fertig sind – etwa die Vergleichsbörse „the Bloc“ –, um zu zeigen, wohin das Produkt steuert. Genau das macht auch eine kritischen Blick wichtig: Du siehst selbst, was schon gebaut und was noch eine Ankündigung ist.
Meine Learnings
Die Plattform bietet Infrastruktur, sie ist kein weiteres Tool. Fingerabdruck, Herkunftsnachweis, Monitoring, Bezahl-Gate und Lizenzierung in einem System – die gleichen Funktionen, die RSL, SPUR und die Payment-Startups als getrennte Ebenen für große Publisher bauen, vertikal integriert für den Publishing Long Tail.
Die Musik-Analogie trägt nur bis zu einem gewissen Grad. Napster, YouTube und Roblox endeten alle mit „erst den Vergleich, dann die Lizenz“. Aber die Musikbranche hatte Verwertungsgesellschaften mit fast lückenlosem Branchen-Rückhalt, bevor die Piratenplattformen kamen. Byrne versucht, den Bloc aufzubauen und das Vergleichsmuster gleichzeitig zu erzwingen.
Byrnes eigene Eingeständnisse tun mehr für seine Glaubwürdigkeit als sein Pitch. Ein Gründer, der von sich aus sagt, dass seine Beweise vor Gericht noch ungetestet und seine Erkennungswerte keine absoluten Werte sondern Wahrscheinlichkeiten sind, ist leichter ernst zu nehmen als einer, der Gewissheit verspricht.
Aggregation ist alles. Die Zahlungsaufforderung einer einzelnen Journalistin lässt sich leicht ignorieren. Ob Writers’ Bloc Gewicht bekommt, hängt vor allem davon ab, wie viele Rechteinhaber der Weg über die Mitgliederorganisationen bringt.
Erst testen, dann vertrauen. Die Demoversion zeigt die Funktionsweise mit Testdaten. Was sie noch nicht zeigen kann, ist das, was am meisten zählt: echtes Geld, das bei einer echten Autorin ankommt.
KI-Transparenzhinweis: Mehr Details hier.
