In partnership with

Hallo, ich bin Medieninnovations-Journalistin Ulrike Langer und Du liest News Maschinen. Diese Ausgabe beruht auf dem European Publishing Congress (EPC) in Wien am 18. Juni, wo Elsa Court von The Kyiv Independent und ich Speaker waren. Sie hielt einen der interessantesten Vorträge des Tages. Im Nachgang habe ich ihr Fragen zum KI-Einsatz der Redaktion gestellt. Dieser Beitrag stützt sich auf ihren Vortrag und ihre schriftlichen Antworten. 

Zahlende Abonnenten erhalten die englischsprachigen Foliensätze meiner drei EPC-Vorträge – Beschreibungen und Link am Ende dieses Beitrags.

Elsa Court während ihres Vortrags beim EPC in Wien. Sie erklärt gerade, wie der Kyiv Independent neue Formate erforscht. Credit: Medienfachverlag Oberauer/APA-Fotoservice/Roland Rudolph

Die meisten Newsrooms, die über KI und Publikum sprechen, verstehen darunter Dinge wie eine Empfehlungs-Engine, ein Bezahlmodell oder einen Chatbot, der ans Archiv angedockt ist. Elsa Court, Audience Development Managerin bei The Kyiv Independent, macht etwas Spezifischeres. Sie nimmt die Fragen, die zahlende Mitglieder zum Krieg in der Ukraine stellen – Hunderte davon, weit mehr, als ein Artikel je behandeln könnte –, entfernt die persönlichen Daten und speist den ganzen Stapel in Googles NotebookLM ein, um herauszufinden, was ihre treuesten Leser noch immer nicht verstehen.

Der Kyiv Independent ist ein englischsprachiger Newsroom in Kyiv, gegründet im November 2021 von Journalisten, die eine andere ukrainische Zeitung verließen, nachdem der Eigentümer in die redaktionelle Linie eingegriffen hatte. Drei Monate später begann Russlands großangelegte Invasion. Weltbekannt ist das Medium nicht, aber für das Publikum, das den Krieg aufmerksam verfolgt, ist es zu einer der prominentesten englischsprachigen Informationsquellen zu diesem Thema geworden. Das Medium hat rund 90 Reporter und Redakteure, mehr als zwei Millionen monatliche Leser, über 30.000 Mitglieder, die ab fünf Dollar im Monat zahlen, und rund 70 Prozent seines letztjährigen Umsatzes stammten von den Mitgliedern.

Knapp 97 Prozent des Publikums sind außerhalb der Ukraine ansässig (USA 35 %, Großbritannien 14 %, Kanada 10 %, Australien 6 %, Deutschland 2 %, Schweden 2 %), und in einer Leserbefragung gaben zwei Drittel an, noch nie in der Ukraine gewesen zu sein oder keinerlei persönlichen Bezug zum Land zu haben. Das ist das Publikum, aus dem Court ihre Fragen schöpft: ausländisch, engagiert und interessiert an Informationen zu einem Krieg, den fast niemand von ihnen selbst erlebt.

Werbung

Want to get the most out of ChatGPT?

ChatGPT is a superpower if you know how to use it correctly.

Discover how HubSpot's guide to AI can elevate both your productivity and creativity to get more things done.

Learn to automate tasks, enhance decision-making, and foster innovation with the power of AI.

Mitglieder innerhalb und außerhalb der Ukraine stellen unterschiedliche Fragen

Die Fragen stammen aus einer wiederkehrenden Reihe, „Our readers’ questions about the war, answered“, inzwischen in ihrer elften Ausgabe. Alle drei bis vier Monate fragt die Redaktion ihre Mitglieder, was sie wissen wollen, und Journalisten beantworten die Fragen einzeln. Es gibt immer weit mehr Fragen, als ein Artikel fassen kann, und Court behält die übrigen – nicht wegen einer einzelnen Antwort, sondern wegen des Musters über alle hinweg: Welche Themen kehren wieder? Welche verschwinden? Welche sind neu? Sie sortiert die Antworten in datierte Dokumente, lädt sie in NotebookLM und befragt das Modell, wie sich die Themen über die Zeit verschieben.

Ein Thema tauchte bei US-Lesern immer wieder auf: Warum zieht die Ukraine ihre 18-Jährigen Bürger nicht zum Wehrdienst ein? Innerhalb der Ukraine ist die Antwort geklärt und wird selten gestellt – die Mobilisierungsregeln sind gelebte Realität –, aber Amerikaner fanden die Ausnahme rätselhaft und kamen immer wieder darauf zurück. Die Redaktion beantwortete die Lücke direkt, mit Erklärstücken und zusätzlichem Kontext in ihrer Berichterstattung. Das Signal kam von den Mitgliedern; das Modell brachte es zum Vorschein.

Es ist ein Recherchewerkzeug, eingesetzt fürs Management. NotebookLM wird in Journalistenkreisen überwiegend als ein Tool betrachtet, das Reporter zum Auswerten großer externer Dokumente nutzen. Court nutzt es, umihr eigenes Publikum besser zu verstehen – dessen Wissenslücken, dessen Neugier, dahin, wohin sich dessen Aufmerksamkeit bewegt.

Den Mitgliedern zuzuhören ist deshalb wichtig, weil ihre Aufmerksamkeit nachlässt. Fünf Jahre Google Trends zeigen, dass das weltweite Interesse an der Ukraine im Februar 2022 in die Höhe schnellte und danach nie wieder annähernd dieses Ausmaß erreichte. Courts taktische Antworten auf diesen Rückgang – neue Formate, Kooperationen mit anderen Medien, die Anbindung der Ukraine an die größere geopolitische Geschichte – sind gewöhnliche Aufgaben von Audience Development Experten. Bei den beiden Entscheidungen, auf die es hier ankommt, ist KI die eigentliche Frage: Was darf KI beeinflussen und was nicht.

Diese Google Trending Topics Grafik zeigt wie das weltweite Interesse an der Ukraine nach dem anfänglichem Ausschlag extrem nachgelassen hat und nie wieder gestiegen ist hat. Credit: Elsa Court Vortragsfolien

Das Dilemma: KI kann nicht von der Front berichten – aber für Reporter ist das Risiko sehr hoch

Was Leser vom Kyiv Independent am meisten wollen, ist seine Berichterstattung von der Front, und die Nachfrage danach steigt, je mehr die westliche Berichterstattung von der Front ausdünnt. Der Grund für dieses Ausdünnen ist nicht etwa, dass andere Redaktionen das Thema leid wären. First-Person-View-Drohnen haben die Front, in den Worten der hauseigenen Schlagzeile, in eine “Sperrzone für Journalisten” verwandelt. Die meisten Redaktionen anderswo gehen das Risiko nicht mehr ein. Der Kyiv Independent schickt weiterhin Reporter, und seine Reportagen und Videos von der Front stehen ständig an der Spitze der beliebtesten Beiträge. 

Der Kyiv Independent schickt schon seit 2022 Reporter an die Front, bevor KI zum Riesenthema wurde. Erst kürzlich, sagt Court, begann die Redaktion zu fragen, welche ihrer Formate KI nicht ersetzen könnte – und die Berichterstattung von der Front war die naheliegende Antwort. Das Publikum reagiert am stärksten auf personengetriebene Reportagen, in denen ein Journalist oder eine Journalistin in der Geschichte präsent ist, statt vom Schreibtisch aus zu erzählen – und dieser Sog wächst im Zeitalter synthetischer Medien, statt zu schrumpfen. 

Diese Grafik zeigt wie das Interesse an der Ukraine in den USA während aktiver US-Kriegshandlungen im Iran davon völlig überschattet wurden. Credit: Elsa Court Vortragsfolien

Courts Argument ist nicht, dass KI keine Frontvideos erzeugen könnte. Die Qualität ist bestechend gut. Aber ihre Herkunft ist zweifelhaft. Im Zeitalter der Deepfakes sei die Tatsache „dass echte Menschen an die Front gehen und tatsächlich filmen, was vor Ort passiert, wichtiger denn je“, sagt Court. „Es geht darum, diesen Krieg so festzuhalten, wie er war.“

Im Backend unterstützt KI die Redaktion: bei der Synchronisation von gesprochenem Ukrainisch ins Englische im Video, bei Text-to-Audio für Artikel, bei der Transkription – Court sieht keinen Grund mehr, ein Interview von Hand zu transkribieren. Was menschlich bleibt, ist der Kern: vor Ort berichten, Desinformation entgegen treten, ukrainische Stimmen mit einem globalen Publikum verbinden. 

Die Trennung ist Absicht. Eine KI-Zusammenfassung kann komplexe Informationen verdaulich machen, aber sie kann nicht wiedergeben, wie es ist, ein Zuhause zu verlieren, während die Front näher rückt, oder unter einen Drohnenangriff zu geraten – und während sich die allgemeine Nachrichtenlage Friedensgesprächen und Diplomatie zuwendet, muss noch immer jemand zeigen, was für die Menschen auf dem Spiel steht, die mit dem Ausgang werden leben müssen.

Was der Kyiv Independent im Krieg mit dem Zetland im Frieden gemeinsam hat

Jetzt kommt eine unbequeme Wahrheit. Die menschliche Berichterstattung, die Court verteidigt, ist auch deshalb einzigartig und wertvoll, weil sie ein tödliches Risiko beinhaltet. Der gleiche Drohnenkrieg, der Aufnahmen vor Ort unersetzlich macht, räumt auch die Front von Journalisten leer. Die Exklusivität der Berichte des Independent existiert nur, weil der Gang an die Front beinahe selbstmörderisch ist. Das ist kein nachhaltiger redaktioneller Wettbewerbsvorteil. Court definiert die Mission als größer als das Medium: diesen Krieg festzuhalten, wie er ist. Nüchtern betrachtet ist die Position des Kyiv Independent weniger eine Strategie zum Nachahmen als eine Beschreibung dessen, was nur eine Redaktion im Krieg noch leisten kann – und was es kostet, diese Leistung zu erbringen.

Bei einem von Mitgliedern finanzierten Medium ist die Grenze wohl weniger verschwommen, weil der Test im Modell selbst angelegt ist: Bringt ein bestimmter KI-Einsatz dem Leser oder der Leserin direkten Mehrwert oder verbessert er die User Experience? Vertrauen ist das Gut, auf dem der ganze Betrieb läuft, und ein falsche KI-Einsatz verbraucht es schneller, als irgendeine Effizienz es zurückkauft.

Dieses Prinzip zieht sich durch beide Entscheidungen: KI für Analysen, nie für die Berichterstattung. Die Redaktion setzt KI ein, um zu verstehen, warum ihre Mitglieder überhaupt den Independent lesen und bezahlen, und hält sie vom journalistischen Kern fern, der sich das Leservertrauen hart erworben hat. Jakob Moll beschreibt in dieser Case Study wie die Trennung zwischen KI im Backend und Vertrauen erzeugender menschlicher Berichterstattung beim dänischen Medium Zetland funktioniert. Das zugrunde liegende Prinzip ist das gleiche, ob im friedlichen Dänemark oder unter Beschuss in der Ukraine. 

5 Learnings für Redaktionen und Publisher

  1. Höre deinem Publikum langfristig zu, nicht nur punktuell. Eine einzelne Fragerunde zeigt auf, was diese Woche angesagt ist; das gesamte Archiv durch ein Modell wie NotebookLM laufen zu lassen – auch die Fragen, die du nie veröffentlichst –, zeigt, welche Lücken bleiben und welche Themen sterben. Diese Trendlinie ist das Kapital, nicht irgendeine einzelne Antwort. Und sie taugt zugleich als Messlatte für das übrige Publikum: Wenn ein engagiertes Mitglied etwas nicht versteht, versteht es die Gelegenheitsleserin auch nicht.

  2. Consumer-KI-Tools lösen Management-Probleme, nicht nur Recherche-Probleme. NotebookLM wird vor allem als Reporter-Werkzeug eingesetzt, aber es kann auch das Erlösmodell eines anderen Mediums entschlüsseln, einen Stapel Videos zu einem Thema übersetzen und qualitative Umfrageantworten in großer Menge auswerten. Die Umdeutung – Recherchewerkzeug als Management-Instrument – ist eine übertragbare Idee.

  3. KI-sichere Formate nicht neu entwerfen, sondern aus vorhandenen heraus kristallisieren. Der Kyiv Independent nahm sich nicht vor, automatisierungsresistenten Journalismus zu schaffen. Die Redaktion bemerkte aufgrund von Analysen, dass das Publikum immer wieder Vor-Ort-Berichterstattung von der Front favorisierte - genau den menschlichen Faktor, den kein Tool ersetzen kann. Die Lehre ist nicht, ein solches Format neu zu erfinden, sondern existierende Formate zu prüfen („Könnte KI das?“) und die exklusiv menschlichen Formate ausreichend zu finanzieren.

  4. Der dauerhafte Vorteil ist Zugang, nicht Output. Alles, was KI erzeugen kann, wird sie irgendwann billiger erzeugen als Menschen – Zusammenfassungen, Erklärstücke, generische Videos. Was sie nicht kann, ist dort sein, wo sie nicht ist: im Raum, vor Ort, am Telefon mit einer Quelle, die nur mit dir spricht. Finde den Zugang heraus, den nur Du hast, und behandle ihn als das Produkt. Das Format ist ersetzbar, die Nähe nicht.

  5. Für nutzerfinanzierte Medien ist Vertrauen die entscheidende Größe. Wenn die Mitglieder der Umsatz sind, läuft jede KI-Entscheidung auf eine Frage hinaus: Bringt sie der Nutzerin Mehrwert, oder höhlt sie still das Vertrauen aus, für das er zahlt? Dieser Test ist für Abo- und Mitgliedschafts-Modelle schärfer als für werbefinanzierte.

Die Folien meiner Vorträge beim EPC (die Folien sind englischsprachig!):

Der KI-Revenue-Shift: Warum Lizenzdeals erst der Anfang sind

Verlage, die nur auf Content-Lizenzverträge mit OpenAI, Google & Co. setzen, handeln aus der Defensive. Die eigentliche Chance liegt darin, eigene Infrastruktur für KI-Distribution aufzubauen und die Regeln selbst zu bestimmen: mit strukturierten Daten, API-fähigem Content, Archiv-Monetarisierung. Einige Medienunternehmen machen das bereits - sie verwandeln ihre Inhalte in eine Plattform, verkaufen Datenpunkte an B2B-Kunden, ermöglichen bezahltes Scraping und schnüren neue Produkte aus Archivmaterial. Mit konkreten Cases, die funktionieren.

Bauen, kaufen oder abgehängt werden: Der neue Markt für KI-Tools im Newsroom

US-Newsrooms bauen KI-Tools, die nicht nur im eigenen Unternehmen funktionieren - manche werden open source für die gesamte Branche verfügbar, andere bringen Lizenzeinnahmen. Europäische Verlage stehen vor einer strategischen Entscheidung: selbst entwickeln, übernehmen, was aus den USA kommt, oder den Anschluss verlieren. Mein Diagramm kartiert die Landschaft und liefert einen Entscheidungsrahmen für Build versus Buy.

KI in Newsrooms: Was jenseits vom Hype wirklich passiert

Cases und Trends aus meiner laufend aktualisierte Fallstudien-Datenbank. Relevante Beispiele der letzten Wochen und Monate in komprimierter Form.

Log Dich ein oder upgrade zu Premium, um den Link zum Folien-Download zu sehen.

logo

Abonniere die Premium-Version

Werde jetzt zahlendes Mitglied des News Maschinen Premium Clubs, um diesen Beitrag in voller Länge zu lesen und weitere Vorzüge zu nutzen.

Jetzt upgraden

Als zahlendes Premium-Mitglied bekommst Du:

  • Zugriff auf vollständige Beiträge mit zusätzlichen Kennzahlen und umsetzbaren Checklisten
  • Vierteljährliche Trendberichte zu KI in der Medienbranche (ab April 2026)
  • Sofortigen Download-Zugang zu meinem neuen 28-seitigen Bericht „The Human-Augmented Newsroom“
  • Keine Werbung (außer gelegentliche Sonderaktionen)

Reply

Avatar

or to participate

Keep Reading