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Links: Die Fakten-Karte zum Antippen für ein Fischerboot bei Vestlandsnytt – Leser holen sich die Daten des Schiffs Abschnitt für Abschnitt. Rechts: Kaja Distad, Head of Editorial Development bei Polaris Media Vest. Foto: Privat.
Im Februar 2025 baute Kaja Distad einen Parkgebühren-Rechner. Am Kai von Kleppestø vor Bergen sollten neue Parkgebühren eingeführt werden, also entwickelte sie ein kleines interaktives Widget – Schieberegler bewegen, Parkgebühr sehen – und veröffentlichte es in Askøyværingen, einer der zehn Lokalzeitungen, für die sie arbeitet. Es kostete kaum Zeit. „Es war so einfach, es hat funktioniert, und es hat unsere Leser wirklich gepackt“, sagt sie. Die Reaktion der Redaktion zeigte ihr: Diese Chance sollten alle haben.
Distad ist Head of Editorial Development bei Polaris Media Vest (PM Vest), dem kleinsten KI-Lab innerhalb der norwegischen Polaris-Media-Gruppe. Ihre Redaktionen reichen von südlich von Stavanger bis nördlich von Bergen; die kleinste, die sie betreut, besteht in ihren Worten aus „zweieinhalb Leuten“. Diese Größe gilt normalerweise als Handicap. Distad hat sie zu einem Vorteil gemacht. Beim Nordic AI in Media Summit (NAMS) in Kopenhagen demonstrierte sie, wie ein derart kleines Lab etwas aufgebaut hat, mit dessen Einführung sich die meisten großen Institutionen noch schwertun: ein funktionierendes System, mit dem Journalisten ohne Programmierkenntnisse interaktive Tools selbst veröffentlichen können – mit Leitplanken, die das Ganze absichern, und einer bewussten Grenze zwischen Code, der weggeworfen werden soll, und Code, der bleiben soll.

Das Widget, mit dem alles anfing: Kaja Distads Parkgebühren-Rechner auf der Website von Askøyværingen. Leser bewegen den Schieberegler und sehen, was sie am Kai von Kleppestø zahlen.
Stufe eins: das Wegwerf-Widget
Die unterste Stufe ist ein Custom GPT – PM Vests kodegenerator („Code-Generator“). Nach Distads eigener Beschreibung ist er bewusst unspektakulär: ein langer Prompt mit Beispieldateien für drei Output-Typen und die Freiheit, darüber hinaus zu improvisieren. Kein Retrieval-System, nichts, was an interne Datenbanken angebunden ist. Die Journalistin liefert den Input; das GPT gibt ein kleines, in sich geschlossenes Snippet zurück. Es übernimmt das Design jeder Zeitung – Farben, Schriften –, sodass der Output wie ein nativer Teil des jeweiligen Titels aussieht.
Sein wichtigstes Merkmal ist nicht das übernommene Design, sondern dass das Tool weiß, dass seine Nutzer nicht programmieren können. Es führt sie durch jeden Schritt – was zu tun ist, wohin der Output gehört, was jeder Teil bedeutet – und stellt Rückfragen, wenn es sie braucht. Das fertige Snippet ist statischer Code, in HTML verpackt und in ein isoliertes Fenster im Artikel gesetzt – über dasselbe Einbettungssystem, mit dem Websites vor einem Jahrzehnt Tweets einbanden. „Es lebt in seiner eigenen kleinen, externen Umgebung“, sagt Distad.
Die Ergebnisse sind erstaunlich vielfältig. Vestnytt hat ein interaktives Tagebuch veröffentlicht, mit dem Leser verfolgen konnten, was eine Ukrainerin vor, während und nach ihrer Flucht nach Norwegen aufgeschrieben hat. Bømlo-nytt hat die jährliche Kindergarten-Zufriedenheitsumfrage – sonst ein Wust schwer lesbarer Statistiken – in eine sortierbare visuelle Übersicht verwandelt. Strilen hat eine interaktive Karte der von Schließung bedrohten Schulen vor Ort gebaut, damit Leser die nächstgelegenen sehen können. Vestlandsnytt hat eine Fakten-Karte zum Antippen für ein Fischerboot kreiert. Ein Journalist bei Askøyværingen und Vestnytt hat seine eigenen Leser-Tippboxen gebaut, weil ihm die Standardvariante nicht gefiel – und bekam daraufhin mehr HInweise. Der Redakteur bei Bygdanytt und Strilen baute ein eigenes App-Download-Widget, und die Downloads stiegen.
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Global HR shouldn't require five tools per country
Your company going global shouldn’t mean endless headaches. Deel’s free guide shows you how to unify payroll, onboarding, and compliance across every country you operate in. No more juggling separate systems for the US, Europe, and APAC. No more Slack messages filling gaps. Just one consolidated approach that scales.
Die Leitplanken sind das eigentliche Produkt
Jeder kann in ChatGPT eine Visualisierung erstellen, betont Distad – und genau das ist ihr Punkt. Was nicht jede Redaktion hat, ist das sichere Gerüst, um diesen Code in einen Live-Artikel zu bringen. In unserem Gespräch nach ihrem Vortrag hat sie mir erklärt, dass ihr Framework vor allem eine Definition dessen ist, was nicht erlaubt ist: keine externen Pakete, nichts, was eine Lizenz braucht. Für Karten heißt das Leaflet, nicht Google Maps – weil Google Maps schnell teuer wird. Und die harte Grenze: keine Nutzereingaben. Journalisten haben nach Widgets gefragt, die Eingaben des Publikums verarbeiten; PM Vest hat es nicht erlaubt. Genau dort, sagt Distad, hört „schnelles Vibe-Coding“ auf.
Das ist der Teil, den man kopieren sollte. Code zu erzeugen ist der einfache Teil – das erledigt das GPT in Sekunden. Die schwierigere Aufgabe ist, vorab zu entscheiden, was ein Laie ohne Aufsicht veröffentlichen darf. Die Leitplanken sind es, die aus einem cleveren Einzeltrick eine Fähigkeit für die ganze Redaktion machen.
„Wenn es nach einer Woche abstürzt, ist uns das ziemlich egal“
Die häufigste Frage, die Distad bekommt, betrifft die Technik: Was passiert, wenn der Code kaputtgeht? Ihre Antwort ist erfrischend nüchtern. Das sind Einzelstücke, die an einzelnen Artikeln hängen, und der Wert eines Nachrichtenartikels ist meist nach ein, zwei Tagen aufgebraucht. Das Snippet ist statisch und isoliert – es sitzt oben auf dem Artikel und rührt nichts darunter an. Wenn das Widget kaputtgeht, bleibt der Artikel davon unberührt. Bemerkt die Redaktion, dass ein Widget nicht mehr funktioniert, nimmt sie es heraus. Bemerkt sie es nicht, ist kein Schaden entstanden, weil die Geschichte ihre Aufgabe bereits erfüllt hat. „Wenn es nach einer Woche abstürzt“, sagt sie, „ist uns das ziemlich egal.“
Was das vertretbar statt fahrlässig macht, ist die zweite Stufe – und die Regel, die beide verbindet: „Was bleiben soll, bekommt Liebe.“

Bømlo-nytt hat die jährliche Elternbefragung zur Kindergarten-Zufriedenheit in eine sortierbare Übersicht verwandelt – jede Einrichtung einzeln, im Vergleich zum regionalen und nationalen Schnitt.
Stufe zwei: agentische Services, die bleiben sollen
Wenn etwas bleiben soll – zeitlos, skaliert, an eine Live-Datenquelle angebunden –, wandert es von der Wegwerf-Stufe in ein agentisches Framework, das Distad selbst besitzt und für das sie persönlich verantwortlich ist. Hier nutzt sie vor allem Claude Code und Codex, ein Framework mit einer AGENT.md- oder CLAUDE.md-Datei im Zentrum, dazu Skills, Sub-Agenten, Beispieldateien und MCP-Server. Das Ergebnis sind echte Services: Verkehrswarnungen, erzeugt aus einem einzigen Code-Block, der sich automatisch an das Berichtsgebiet jeder Zeitung anpasst; Slack-Alerts, wenn ein Flugzeug in Not über dem Gebiet ist oder eine öffentliche Sitzung angesetzt wird; ein Live-Bustracking, das zeigt, wo der Bus ist und wie viel Verspätung er hat.
Ihre Demo auf der Bühne machte das Tempo greifbar. Für das hypothetische Szenario einer neuen Pandemie ließ sie dasselbe Widget-Framework zweimal laufen – drei Monate und zwei Modelle auseinander. Der neuere Durchlauf, mit Claude Opus, lieferte in sechs Minuten aus einem einzigen Prompt ein brauchbares interaktives Datenformat. Die Schwächen benannte sie offen und zeigte auf ein Diagramm mit der falschen Darstellungsform und eine falsch beschriftete Kommune. Der Punkt war nicht, dass der Output perfekt war. Er war, dass eine Redaktion aus zweieinhalb Leuten nun in Minuten ein datenreiches interaktives Format produzieren kann. Früher musste sie warten, bis eine größere Redaktion es zulieferte.

Ein Datenformat, vier Zeitungstitel: dasselbe Framework zur Infektionsverfolgung, in den Farben jeder Zeitung und auf ihr Berichtsgebiet zugeschnitten, erstellt in sechs Minuten mit Claude Opus. Credit: Alle Screenshots stammen aus Kaja Distads NAMS-Präsentation.
Funktioniert es?
Distad bleibt auf dem Teppich. PM Vest hat Hunderte Widgets gebaut, aber es gab bislang kein A/B-Testing am selben Artikel mit und ohne Widget; darüber wurde gesprochen, aber umgesetzt wurde es noch nicht. Das klarste Signal, auf das sie sich festlegt, ist Engagement, nicht blanke Klickzahlen: Das Live-Bustracking kommt bei der Gruppe der 30- bis 49-Jährigen gut an, die PM Vest seit Langem schwer zu halten findet – die Leser, die ein Abo abschließen und dann abwandern. Die großen Nachrichtenseiten ziehen insgesamt mehr Traffic, aber das Bus-Tracking zieht treue, wiederkehrende Nutzer – und das ist die Kennzahl, auf die es für eine Lokalzeitung ankommt. Das Ziel ist, direkte Beziehungen aufzubauen, bevor eine KI-vermittelte Mediennutzung sie ausdünnt.
Der Ansatz breitet sich aus. Das kodegenerator-GPT ist weit über die zehn Vest-Zeitungen hinaus gewandert – in andere Polaris-Regionen und sogar zu Stampen Media in Schweden. Das kleinste Lab zu sein, argumentiert Distad, ist gerade das, was PM Vest den klaren Blick auf die niedrig hängenden Früchte gibt, an denen die größeren Labs achtlos vorbeigehen.
PM Vest steht damit nicht allein: Auch Reroute NJ, die Pop-up-Website, die Joe Amditis im Alleingang gebaut hat, verbreitete sich durch Übernahme – drei Lokalredaktionen in New Jersey banden sie während ihrer Berichterstattung über die der Straßensperrungen während eines Brückenbauprojekts ein.
Distad schloss mit einem Satz, den sie Ketil Moland Olsen zuschreibt, Senior Project Manager bei Media Cluster Norway: Wenn dir deine erste Version nicht peinlich ist, hast du sie zu spät veröffentlicht. Für eine Redaktion mit zweieinhalb Leuten ist das vielleicht die ganze Strategie.
5 Learnings für Redaktionen
Sortiere nach Lebensdauer, bevor du baust. PM Vests eigentliche Innovation ist nicht der Code-Generator sondern die Entscheidungsregel. Wegwerf-Widgets für einzelne Artikel und dauerhafte, selbst betriebene Services sind verschiedene Produkte mit verschiedenen Maßstäben. Entscheide zuerst, welches von beiden du gerade machst, damit aus „schnell sein“ nicht „Dinge kaputt machen“ wird.
Die Leitplanken sind das Produkt, nicht der Code. Jeder kann in ChatGPT ein Widget erzeugen. Sicher in die Hände von Nicht-Programmierern legen läßt es sich erst durch das Gerüst der Einschränkungen – keine externen Pakete, keine Lizenzfallen (Leaflet, nicht Google Maps), keine Nutzereingaben. Definiere, was verboten ist, bevor du skalierst, was möglich ist.
Kleinheit kann ein Vorteil sein. Eine Redaktion mit zweieinhalb Leuten hat einen schärferen Blick auf die niedrig hängenden Früchte als eine große, von an Prozesse gebundene Institution.
Wegwerf-Code ist in Ordnung, wenn er eingehegt ist. Statische Snippets in isolierten Fenstern können ausfallen, ohne etwas darunter zu berühren. Passe den Engineering-Aufwand an den Nachrichtenwert an: Die meisten dieser Stories sind nach ein, zwei Tagen aufgebraucht – der Code darf es auch sein.
Tools bauen den Dialog, nicht nur den Artikel. Der stille Gewinn ist, dass Journalisten, die Prototypen bauen können, endlich eine gemeinsame Sprache mit Entwicklern sprechen. Reportern zu zeigen, was technisch einfach ist – und was nicht –, kann langfristig mehr wiegen als jedes einzelne Widget.


