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Links: kompreno Gründer und CEO Jochen Adler (Foto: Olaf Hermann). Rechts: Ein mit IJF Insignien dekoriertes Schaufenster in Perugia
In der vergangenen Woche traf ich zum ersten Mal im echten Leben Jochen Adler, den Gründer und CEO von kompreno. Ich hatte vor vier Jahren für das Medium Magazin über den Start der Pilotphase des Übersetzungsnetzwerks berichtet. Und dann lief mir Jochen Adler beim International Journalism Festival in Perugia über den Weg. Eine glückliche Fügung, denn einige Tage vor unserem Gespräch verkündete kompreno eine Partnerschaft mit The Atlantic - dem ersten US-Publisher im bisher rein europäischen Netzwerk. Leserinnen und Leser von kompreno bekommen jetzt Zugriff auf ausgewählte Atlantic-Texte in deutscher, französischer, spanischer und italienischer Übersetzung. Ich habe mit Jochen Adler darüber gesprochen, wie der Deal zustande kam, wie kompreno im Bundle-Markt positioniert ist und wo die Grenzen des Modells liegen.
Kompreno ist seit Sommer 2023 regulär auf dem Markt. Gestartet sind Adler und sein Team nach einer Pilotphase mit sieben Verlagen aus fünf Ländern, darunter Brand eins und das belgische Mo Magazine. Heute arbeitet die Plattform mit 40 Partnern aus mehr als 15 Ländern - darunter Le Monde, DIE ZEIT, Prospect aus Großbritannien, Eastwest aus Italien und Blätter für deutsche und internationale Politik. Die Bundesregierung zeichnete kompreno mit dem Kultur- und Kreativpilot*innen-Preis aus, der European Press Prize nutzt die Plattform als offiziellen Übersetzungspartner. Abonnentenzahlen gibt Adler bewusst nicht heraus. Ein Monatsabo kostet 19 Euro, ein Jahresabo 190 Euro. Für alle unter 25 ist der Zugang kostenlos.

Links: Die deutschsprachige Startseite von kompreno. Rechts: Ein Text aus The Atlantic auf deutsch in der kompreno App
Wie kompreno funktioniert
Das Modell setzt an drei Punkten an, die den Unterschied zu algorithmischen News-Aggregatoren ausmachen: kuratierte Textauswahl, professionelle Übersetzung in fünf Sprachen und eine direkte Umsatzbeteiligung der Verlagspartner. Keine Exklusivmeldungen, keine Breaking News, keine Same-Day-Releases - kompreno übernimmt nur Texte, die bereits veröffentlicht sind und die der Verlag ausdrücklich zur Übersetzung freigibt.
Die Kuratierung leitet Giuseppe Menditto als Chief Content Officer. Sein Team wählt Partner und einzelne Texte aus. Übersetzungen entstehen in einer Kombination aus DeepL und mehreren Sprachmodellen, darunter Claude und ChatGPT, die Adler nach eigener Aussage gegeneinander antreten lässt. Am Ende steht eine menschliche Korrektur, die kompreno intern nach einem Ampelsystem steuert: Manche Sprachpaare laufen grün durch, andere werden rot markiert und komplett nachgearbeitet. "Wir brauchen Humans nicht nur in the loop, sondern Human in the driver's seat", sagt Adler.
Neben der eigenen App bietet kompreno ein White-Label-Modell. Verlagspartner bekommen ihre übersetzten Texte zurück und spielen sie auf eigenen Domains aus. Das belgische Mo Magazine etwa produziert auf Niederländisch, baut aber mit kompreno-Übersetzungen eine französisch- und englischsprachige Variante seiner Website auf. Im Footer erscheint der Hinweis auf kompreno.
Und jetzt auch The Atlantic. Was ein 169 Jahre altes US-Magazin dazu bringt, mit einem deutschen Startup zu arbeiten? Das weiß Adler auch nicht wirklich. Aber ein Muster zeichnet sich ab: "Das Grundinteresse waren eigentlich die spanischen Übersetzungen im ersten Wurf", sagt er. Die deutschen, italienischen und französischen Versionen seien "eher so ein Mitnahmeeffekt". Im Vordergrund stehen die rund 45 Millionen spanischsprachigen Menschen in den USA sowie der lateinamerikanische Markt.
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Was kompreno von Wettbewerbern unterscheidet
Mit 19 Euro im Monat ist kompreno kein Einstiegsprodukt. Readly kostet in Deutschland 14,99 Euro im Monat, viele News-Apps sind kostenlos. Apple News+, ein weiterer Wettbewerber in englischsprachigen Ländern, gibt es in Deutschland gar nicht. Für kompreno stellt sich die Frage nicht, ob das Produkt besser ist als Readly oder eine Gratis-App - sondern ob Leserinnen und Leser bereit sind, für Nachrichten überhaupt zu zahlen, und wenn ja, wofür.
Gegenmodelle auf der einen Seite (zumindest auf dem englischsprachigen Markt) sind Particle News, über das ich im November schrieb oder The News Movement. Particle aggregiert kostenfrei Artikel von AP, Reuters, AFP, Time und Fortune, synthetisiert sie per KI zu einer Story und bietet Übersetzung auf Knopfdruck - laut Mitgründerin Sara Beykpour das meistgefragte Feature der App. The News Movement (jetzt Teil von Caliber) ist eine auf Gen Z ausgerichtete Short-Form-Video-Nachrichtenplattform mit Inhalten von geprüften Creators. Sie ist für bewussten Nachrichtenkonsum konzipiert und bietet tägliche Zusammenfassungen, Community-Notizen zur Faktenprüfung und keinen Rage-Bait.
Wer nur schnell informiert bleiben will, braucht kompreno nicht. Kompreno verkauft etwas anderes: den vollständigen Originaltext eines kuratierten Verlags, professionell übersetzt, mit Umsatzbeteiligung an die Quelle. Zwei verschiedene Produkte für zwei verschiedene Zielgruppen - aber am Ende konkurrieren sie um dieselbe Zahlungsbereitschaft.
Die zweite Konkurrenz ist ein Workaround: Wer nur gelegentlich Texte von fremdsprachigen Quellen nutzt, stößt oft nicht an die Paywall und kann diese Beiträge selbst durch DeepL oder ChatGPT schicken. Adler hält das für ein Randphänomen. Kompreno positioniert sich in einer Nische: für Leserinnen und Leser, die mehrere Qualitätsmedien wirklich lesen wollen, nicht nur überfliegen, und denen Herkunft und Verlagsmarke wichtig sind. Diese Zielgruppe ist kleiner als die, die Particle bedient - aber zahlungsbereiter.
Die KI-Frage
Was passiert, wenn KI-Übersetzung eines Tages perfekt wird? Adler hält das für plausibel. Aber er sieht den Wert von kompreno nicht in der Übersetzung selbst: "Unser Quellennetzwerk ist schützenswert, und wir schützen es auch aktiv. Diese menschliche Auswahl am Anfang macht eigentlich den Wert des Produktes mehr aus als am Ende die Übersetzung."
In diesem Punkt grenzt sich Adler deutlich von Startups ab, die "nichts anderes gemacht haben, als einen Roboter zu bauen, der das Web crawlt und jeden Text, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, ins Angebot übernimmt. Wahrscheinlich auch, ohne vorher zu fragen." Kompreno schließt mit jedem Verlag vorab einen Vertrag, sichert Beteiligung zu und holt explizite Einwilligung ein. "Das entscheidet auch über das Produkt."
Adlers zweite These zur KI-Frage ist grundsätzlicher: "Demokratie stirbt an der Paywall, wenn wir nicht aufpassen." Daraus folgt das kostenlose U25-Angebot und ein Bibliotheks-Pilotprojekt, das aktuell in Hessen läuft - Nutzer können sich dort mit dem Bibliotheksausweis kostenlos einloggen. Das Projekt läuft bisher nur in Hessen. Eine Ausweitung scheitert laut Adler am Föderalismus - jedes Bundesland verhandelt einzeln.
Fünf Erkenntnisse für Medienunternehmen
Übersetzung als Produktkern, nicht als Zusatzfeature. Kompreno behandelt Sprachzugang als eigenes Geschäftsmodell. Für Verlagspartner bedeutet das: neue Zielgruppen in Märkten, in denen eigenes Marketing nicht rechnet - und kein Kannibalisierungsrisiko, weil die Originalsprache nie in der kompreno-App erscheint. Le Monde betreibt Le Monde in English selbst. Der Aufbau eigener Reichweite in den USA, UK und Indien kostet entsprechend. Kompreno nimmt Verlagen diesen Aufbau ab.
Umsatzbeteiligung schlägt Lizenzpauschale. Wer Inhalte an eine Plattform abgibt, sollte am Erfolg beteiligt sein. Kompreno teilt Einnahmen direkt und gibt Verlagen ein Vetorecht über Zielsprachen. Bundle-Apps, die einmalig lizenzieren und danach algorithmisch aggregieren, bieten diese Bindung nicht.
Das Produkt verkauft sich über Kuratierung, nicht über Technik. Wenn Maschinenübersetzung besser wird, verliert die Übersetzungsqualität als Wettbewerbsvorteil an Bedeutung. Was bleibt, ist der Zugang zu ausgewählten Quellen und die Freigabe durch den Verlag. Beides lässt sich nicht automatisieren. Plattformen, die nur auf bessere Modelle setzen, haben hier eine Lücke.
Der Preis definiert die Zielgruppe. 19 Euro im Monat richten sich nicht an Gelegenheitsleser. Kompreno adressiert Abonnentinnen und Abonnenten, die bereit sind, für kuratierten Qualitätsjournalismus in mehreren Sprachen zu zahlen - und denen Herkunft und Verlagsmarke wichtig sind. Das ist eine bewusste Positionierung, keine Einstiegshürde, die später gesenkt wird.
Zweiseitige Plattformen wachsen nur, wenn Angebot und Nachfrage sich gegenseitig ziehen. Genau hier liegt die schwierigste Aufgabe für kompreno: Das Startup muss gleichzeitig Leserinnen und Leser gewinnen, die 19 Euro im Monat zahlen, und Verlage, die ihre besten Texte lizenzieren - und jede Seite wird einfacher zu überzeugen, sobald die andere Dynamik hat. Kompreno veröffentlicht bewusst keine Abonnentenzahlen. Adler verweist auf die Mischung aus zahlenden Abos, kostenlosen U25-Zugängen und Bibliothekszugriffen und darauf, dass kompreno den Meilenstein-Moment, ab dem sich solche Zahlen gut nach außen erzählen lassen, noch nicht erreicht hat. Dieser letzte Punkt ist aufschlussreich. Eine Plattform, die bereits abgehoben hat, würde das zeigen. Die Zurückhaltung signalisiert ein Unternehmen, das wächst - aber die kritische Masse auf beiden Seiten des Marktes noch nicht erreicht hat.


